Wie es heute ist

Mein Leben ohne Alkohol

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich im Juli 2019 vom Alkohol zu befreien. Es sind Monate ohne Ängste, ohne schlechtes Gewissen, ohne Kater, ohne dicke Augen, ohne Traurigkeit. Aber mit viel Stolz, viel mehr Lachen, vielen echten Gefühlen, viel Ehrlichkeit und mit ganz viel ICH.

Mein 6-Minuten-Tagebuch

Dezember 2018

Mein Mann schenkte mir zu Weihnachten 2018 ein 6- Minuten-Tagebuch. (Autor: Dominik Spenst)Das hatte ich im Internet entdeckt und mir gewünscht. Es bietet viel Raum für meine eigenen Gedanken, Vorhaben und Gefühle. Der Autor erzählt am Anfang seine eigene Geschichte, über seinen schweren Unfall in Kambodscha und wie er durch Achtsamkeit und positive Gedanken diese schwierige Zeit im Ausland überstanden hat und schließlich wieder gesund geworden ist.

Die Idee dieses Tagebuches: Man nutzt über mehrere Wochen drei Minuten morgens und drei Minuten abends, um das Buch mit kurzen Gedanken, Dankbarkeit und positiver Selbstbekräftigung zu füllen. Für abends gibt es drei Kapitel, in denen man seine morgendlichen Gedanken und Vorhaben reflektieren kann. Es wird sich nach und nach eine Gewohnheit einstellen, nicht nur die schönen Dinge im Leben wahrzunehmen, sondern auch zu sehen, was man durch eine neue Gewohnheit und positive Einstellung alles erreichen kann. Man kann seine Lebensfreude tatsächlich innerlich beeinflussen. Durch diese Achtsamkeitsübungen bin ich mehr und mehr auf den Trichter gekommen, dass sich etwas in meinem Leben verändern muss. Dass ich! etwas ändern muss. Schritt für Schritt habe ich mich von dieser Idee leiten lassen und tatsächlich mehr zu mir gefunden. Es ist jedoch am Anfang gar nicht leicht gewesen, beim ersten morgendlichen Kaffee drei Dinge zu finden, für die ich um sechs Uhr morgens dankbar bin. Oder mir auszumalen, wie ich den kommenden Tag wundervoll machen werde. Aber genau diese Gedanken holten mich Tag für Tag mehr zurück aus dem Loch, in dem ich durch meinen Alkoholkonsum steckte. Durch die Regelmäßigkeit, jeden Tag neue positive Gedanken und Selbstbekräftigung in Worte zu fassen und aufzuschreiben, habe ich es geschafft, das Thema "ich und mein Alkoholkonsum" mehr und mehr zu benennen und wahrzunehmen.

Ich habe über viele Jahre fast jeden Abend ein bis zwei Gläser Wein oder manchmal auch Bier getrunken und fand es eigentlich gar nicht schlimm. Man ging essen, wurde eingeladen, ging tanzen, man fuhr in den Urlaub, oder blieb daheim auf dem Sofa, immer gab es etwas Alkoholisches zu trinken. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Wasser zu bestellen, denn Wein schmeckte einfach zu gut. Und der Wein erleichterte vieles, zumindest das erste Glas: Das knüpfen von Kontakten fiel leichter, das Lachen und Spaß zu haben, ich wurde einfach entspannter und gelassener. Daher fiel es mir auch so schwer, damit aufzuhören. Ich dachte, keinen Alkohol mehr zu trinken bedeutete auch, keinen Spaß mehr zu haben, nicht entspannt zu sein, usw. Ich denke, ihr wisst genau, was ich meine! Nun, bei zwei oder mehr Gläsern war es je nach Stimmung so entspannt, dass ich gut einschlafen (aber nicht durchschlafen) konnte oder auch gänzlich ausflippte. Ich erspare euch die Einzelheiten der peinlichen Hitparade erstmal.

Mir wurde durch das 6- Minuten- Tagebuch immer bewusster, dass es noch so viel mehr gibt im Leben, dass der Tag nicht immer mit dieser Art der Entspannung enden muss, sondern, dass man die Stunden nach 19 Uhr auch gewiss noch anders nutzen kann.

Januar 2019

Ich bin dankbar für... den Hyazinthenduft im Esszimmer

Ich mache den heutigen Tag wundervoll...in dem ich einen Spaziergang in der kalten Wintersonne mache

Positive Selbstbekräftigung: In dieser Regelmäßigkeit hier in das Tagebuch zu schreiben tut mir gut. Der Blick nach vorn macht mich stärker.

So habe ich das 6- Minuten-Tagebuch genutzt. Dominik Spenst sagt darüber, dass es ein Buch ist, dass dein Leben verändert. Wie Recht er hat!

Ich habe trotzdem noch weiter Alkohol getrunken, habe es jedoch immer dokumentiert und auch oft bedauert.

Beim Durchblättern der Seiten tue ich mir heute sehr leid. Ich war einfach nicht in der Lage Nein zu sagen. Dabei hätte es so einfach sein können. Für mich kam dann tatsächlich irgendwann dieser Punkt, an dem es so nicht mehr weiterging...

P.S. Es gibt übrigens eine ganze Reihe solcher Achtsamkeits-Tagebücher. Wenn ihr das auch ausprobieren möchtet, werdet ihr im Buchladen eures Vertrauens oder in den bekannten Online-Shops bestimmt fündig.

Februar/März 2019

Die Einträge in mein Tagebuch haben einiges in mir ausgelöst. Ich schaffte es tatsächlich, für 22 von 28 Tagen keinen Wein zu trinken. Diese fünf alkoholischen Tage verbuchte ich in diesem Journal als Ausrutscher. Aber immerhin! Der Wein fehlte mir eigentlich nicht, da ich zusätzlich noch eine dreiwöchige Diät machte und es bei dieser Diät absolut tabu war, Alkohol zu trinken. Ich war auf einer großen Abschiedsfeier eingeladen und hatte es mir fest vorgenommen, dafür einmal richtig gut und erholt auszusehen. Das war ja auch mal ein guter Grund, den Vino und die Carbs aus dem Programm zu nehmen. Prima! Die Pfunde purzelten, mein Gesicht und mein Körper waren weniger aufgequollen, ich war viel fitter und auch besser gelaunt. Ich strahlte sogar :-)

Aber irgendetwas (mein innerer Schweinehund) ließ mich wieder schwach werden. Die Abschiedsfeier war vorbei, ich hatte einfach keine weitere Motivation, weiterhin auf diesen leckeren Wein zu verzichten...

Was schadet denn ein Glas Wein heute bei diesem tollen Essen? Ich hätte fragen müssen: WEM schadet dieses eine Glas?? Das eine Glas war dann in der nächsten Woche schon zweimal vorhanden, in der Woche darauf waren es sogar schon wieder zwei Gläser, kurzum, die Hemmschwelle war weg, Diät beendet und mit Erfolg geschafft, WARUM blieb ich dann nicht dabei?

April 2019

Ich war wieder im alten Trott. Kind versorgen, Familie, Haushalt, das alles schaffte ich noch einigermaßen, aber ich merkte doch, dass es kräftezehrend war. Letztendlich wurde ich immer enttäuschter von mir. Der blöde Schweinehund in mir bestätigte mich, in dem er Sätze sagte wie: " Siehst du! Schon wieder nichts geschafft, schon wieder nichts durchgehalten"

"DU schaffst das nie "

Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Ich bekam eine Erkältung nach der anderen und konnte oft nicht fliegen. Ehrlich gesagt, ich wollte auch nicht mehr fliegen, wollte keinen Koffer mehr packen, mich lieber zu Hause einigeln und mich bemitleiden. Dazu noch diese Migräneanfälle - heute vermute ich, dass mir mein Körper schon etwas bestimmtes sagen wollte. Aber ich war schwach (heute weiß ich, dass ich krank und nicht schwach bin!!) und ich ließ es einfach so laufen, ich war irgendwie mutlos. Ich habe fast jeden Tag ins 6-Minuten-Tagebuch geschrieben und mir wurde dann morgens bewusst, dass ich die Vorsätze vom Vortag nicht umgesetzt habe. Das frustrierte ungemein und obwohl ich es jeden Tag aufs Neue versuchte, ich wollte/konnte abends nicht auf meinen geliebten Wein verzichten. Ich habe mich belohnt, dass ich tagsüber trotz gesundheitlichen Einschränkungen einigermaßen fit und handlungsfähig war.

Dann gab ich dem Tagebuch und mir eine Auszeit von vier Wochen. Es war einfach zu frustrierend mit anzusehen, wie ich mir Tag für Tag schadete. DAS zeigte mir ja jeder einzelne Eintrag.

Mai/Juni 2019

Der Mai war eigentlich wieder ein guter Monat, ich hatte etwas mehr Energie, ich hatte wieder Lust auf Sport und Fitness. Dazu fand ich neue Bücher und Ratgeber, unter anderem las ich das Buch von Alan Carr, Endlich ohne Alkohol. Ich war schon ziemlich tief in dieser Spirale drin, die er in seinem Ratgeber beschrieb. Aber noch nicht zu tief drin. Vermutlich war meine Absicht aufzuhören noch nicht so dringend, ich hätte vielleicht eher reagiert, wäre mein Alkoholverlangen schon morgens aufgetreten. Aber dazu kam es ja Gott sei Dank nicht. "Naja, siehst du, wenn du nur abends dein Feierabendweinchen trinkst, ist doch noch alles in Ordnung, die Kathi, die Meli, die anderen machen das doch auch...." Was für ein "Schweinehund"

Im Juni wurde ich krank und musste operiert werden. Während der Vorbereitungszeit, Operation und Genesung schaffte ich es dann wieder, für ein paar Wochen ohne Wein auszukommen. Ich wollte ja wieder gesund werden. Ich war zwar krank, aber nach der OP ging es mir schon viel besser. Selbst zu dieser Zeit habe ich nicht erkannt, dass ich noch eine ganz andere Krankheit hatte.


Juli 2019

Nach außen hin konnte man mir nichts anmerken. Ich war gut gelaunt, plante den Sommerurlaub und kümmerte mich um so vieles (nur nicht um mich) - so war es meine Art.

Ich verschlang weiterhin Blogs und Ratgeber, wie andere Romane lesen. Aber ich schaffte es noch ganze vier Wochen nicht, mich vom Alkohol zu lösen. Ich wurde immer verstimmter und trauriger, weil ich merkte, dass ich mich nur noch mit dem Thema Trinken bzw. Aufhören beschäftigte. Wieso konnte ich keinen Schlussstrich ziehen? Ich wusste doch, dass ich besser dran war ohne Alkohol!

Es war schon sehr schlimm zu sehen, was dieses Trinken aus Gewohnheit mit mir und meinem Gehirn angestellt hatte. Man kann sehr wohl sein Gehirn umprogrammieren, das wusste ich aus den ganzen Ratgebern und Büchern. Man muss es aber wollen und einen ersten Schritt machen. Aber ich hatte furchtbare Angst vor diesem ersten Schritt.

In meinem Tagebuch sollte ich Fragen beantworten, wie zB. Welches Ziel möchtest du unbedingt im nächsten Jahr erreichen? Was denkst du, wird anders sein, wenn du es erreicht hast?

Meine Antwort von Mitte Juli war schon ziemlich klar und fokussiert: Ich möchte nächstes Jahr abstinent leben, ich möchte mein altes ich zurück, ohne Gewissensbisse, ohne Schuldgefühle, ohne Versagensängste. Aber mit viel Lebensfreude und Stolz!!

Jahrelang bin ich davon ausgegangen, dass ich kein Problem habe. Ein, zwei Gläser Wein abends, das kann doch nicht so schlimm sein. Sie würden mir furchtbar fehlen, diese ein, zwei Gläser. Was sollte ich dann mit dieser Leere anfangen? Ich hing völlig in der Luft, weil ich nicht Nein sagen konnte/wollte.

Ende Juli war ich dann beruflich in Bangkok. Es fällt mir heute noch ziemlich schwer, darüber zu sprechen.

Ich konnte mich irgendwie nicht aufraffen, mir diese wunderschöne Stadt anzuschauen. Aber das Wetter war super und ich beschloss daher, den Tag am Pool zu verbringen. Mein innerer Schweinehund kam nachmittags dazu und sprach sehr abwertend zu mir: “ Jetzt bist du in Thailand und hast dir noch nicht einmal diese schöne Stadt angesehen. Du bist faul, träge und langweilig. Trink doch etwas, dann wird es dir bestimmt besser gehen...“ Ich ging wie ferngesteuert zur Poolbar, wo ich dann mit einigen Hotelgästen den Sonnenuntergang begrüßte. Mit zwei Gläsern Wein versteht sich. So etwas hatte ich noch nie gemacht, aber es war mir egal, dort an dieser Poolbar zu sitzen.

Ich bestellte mir anschließend ein Abendessen und eine Flasche Wein auf mein Zimmer. Und redete mir ein, dass es doch noch ein schöner, ruhiger Abend geworden ist. Haha.

Der Schweinehund hatte gesiegt. Ich hatte es wieder geschafft, keine Gefühle zuzulassen und sie mit Hilfe von Wein auszublenden.

Am Tag darauf habe ich dann kapituliert.

Mir ging es richtig mies, mein Kopf dröhnte und ich fühlte nur noch Leere in mir. Ich hatte tatsächlich eine ganze Flasche und zwei Gläser Wein an dem Abend getrunken. Schlagartig wurde mir klar, dass dies der Anfang vom Ende war, denn so wollte ich nicht mehr weiterleben. Es fühlte sich so verlogen und aufgesetzt an, ich musste aufhören, mich selber zu belügen und kaputt zu machen.

Erst nachmittags konnte ich klare Gedanken fassen. So wollte ich nicht mehr weitermachen und plante meinen Ausstieg.

Das war der Tag, an dem ich beschloss keinen Alkohol mehr zu trinken. Alkohol tat mir nicht gut, hat es noch nie getan. Ich war einem Schwindel aufgesessen. Als mir das endlich bewusst wurde, nahm ich diesen Tag als Tag eins. Ich brauchte für mich ein festes Datum, einen Fixpunkt, von dem es wieder bergauf ging. Manch einer bekommt Ärger mit dem Arbeitgeber oder Kollegen, manch einer wird von der Polizei geschnappt, es gibt für alle diesen Tag X an dem man sich entschließt, etwas in seinem Leben zu ändern.

Mein Tag 1 begann mit einer Erklärung an meinen Mann (ich war endlich mal 100 Prozent ehrlich zu ihm), einem Eintrag ins Tagebuch und vor allem mit der Einsicht, dass ich krank war und Hilfe brauchte.

Ja, ich schrieb meinem Mann eine E-Mail. Das brachte mehr Ruhe rein, ich hätte am Telefon nur geweint. Der arme Kerl ist fast vom Stuhl gefallen. Natürlich hatte er mir des Öfteren gesagt, dass ich zu oft oder zu viel Wein trinke, aber das wollte ich doch nie hören-schon gar nicht von meiner besseren Hälfte. Ich war, wie gesagt, sehr gut im Verdrängen und Vertuschen.

Der 27.07.2019 war der Tag, an dem ich endlich ehrlich mir gegenüber war


August 2019


Nach dem Rückflug verkroch ich mich erstmal in meiner geschützten Umgebung. Da mich eine Halsentzündung plagte, konnte ich mich zu Hause ausruhen und meine Gedanken sortieren. Ich plante mein Outing sehr sorgfältig. Für mich war es damals sehr wichtig, alles offen zu legen, da ich ansonsten ganz leicht wieder hätte zurückrudern können. Wie oft war das ja schon in der Vergangenheit passiert und wie oft hat es mich mich herunter gezogen, wenn die Abstinenz nur von kurzer Dauer war.

Ich wollte alles richtig machen! Nach vier Tagen auf dem Sofa hatte ich meinen Besuch beim Hausarzt. Ich schämte mich immer noch furchtbar und es fiel mir sehr schwer, mit dem Arzt darüber zu sprechen. " Guten Tag, ich trinke jeden Tag Alkohol, nur abends und nicht viel, aber jeden Tag...aber jetzt will ich nicht mehr und vor allem kann ich es nicht so einfach sein lassen, weil das so nicht bei mir funktioniert..." Der gute Mann musste mehrmals nachhaken, das war ja echt eine verworrene Geschichte.

Aber er zeigte schnell Verständnis und stand mir von diesem Tag an mit Rat und Tat zur Seite. Ich bekam die Adresse einer Beratungsstelle für Suchtfragen, die zufälligerweise auch am gleichen Tag eine offene Spechstunde hatte.

Tag 5

war schon mal ein sehr guter Tag.

In dieser offenen Sprechstunde fiel es mir schon viel leichter, darüber zu sprechen. Meine Therapeutin nahm sich eine ganze Stunde Zeit für mich. Der Besuch beim Hausarzt und die anschließende Sprechstunde bei der Suchtberatung gaben mir erstmals viel Halt und Zuversicht. Ich merkte, ich war nicht alleine mit diesem Problem, mit dieser Krankheit.

Die erste Woche verbrachten mein Mann und ich alleine, da unser Sohn im Ferienlager war. Wir nahmen uns sehr viel Zeit zum Reden, mein Mann unterstützte mich, wo er nur konnte. Zuhören konnte er schon immer sehr gut. Ich verschlang auch weiterhin Ratgeber und Blogs, weil ich mich noch mehr mit dem Thema Abstinenz auseinander setzen wollte.

In mein 6-Minuten-Tagebuch schrieb ich Dinge wie: Ich bin happy und stolz auf mich, diesen Schritt getan zu haben. Es wird klappen diesmal. Ich freue mich auf die Zukunft und auf unseren gemeinsamen Sommerurlaub.

Tag 10

Bevor es in den langersehnten Sommerurlaub ging, hatte ich noch einen Besuch in einer Selbsthilfegruppe geplant.

Ich habe niemals gedacht, dass ich mal eine solche Gruppe aufsuchen würde, geschweige denn, ein wichtiger Teil davon sein könnte.

Da es anonymer war, besuchte ich die Kreuzbundgruppe in meiner Nachbarstadt. Diese Gruppe wurde mir von der Suchthilfe vorgeschlagen. Hier traf ich garantiert keinen, der mich kannte. Erst sträubte ich mich, zum vereinbarten Termin dort zu erscheinen, aber als die ersten Gruppenmitglieder freundlich an meine Autoscheibe klopften, war ich entlarvt.

Den ersten Abend dort werde ich nie vergessen. Ich saß inmitten von fremden Menschen und durfte von meiner Sucht und meiner Entscheidung abstinent zu leben erzählen. Das tat unheimlich gut. In dieser Gemeinschaft fühlte ich mich sofort wohl und auch angenommen. Für mich daher auch klar, dass ich mir keine weitere Gruppe anschauen wollte.

Das Thema Selbsthilfegruppe steht in der Abstinenz ganz weit oben. Man weiß inzwischen, dass durch diese regelmäßigen Besuche der Suchtkranke immer wieder an seine Sucht und seine Krankheit erinnert wird. Das wöchentliche Treffen lässt mich nicht leichtsinnig werden und hält mich auf dem Boden. Denn ab jetzt gibt es diesen Stoff, der mich so "schön" relaxte, nicht mehr. Ich werde versuchen, eine andere Art der Entspannung zu finden, fragt sich nur, welche??

Viele meiner Freundinnen trinken regelmäßig Alkohol, ja, auch zu Hause, wenn die Kinder im Bett sind, ja, nur zur Entspannung, versteht sich. Da ist keine Alkoholikerin dabei, ganz bestimmt nicht. Keine von den Mädels hat eine Idee, was sie noch zu ihrer Entspannung tun können, ohne sich mit Wein zu betäuben. Bei den meisten sieht das dann so aus: "Puh, geschafft, Tag erfolgreich absolviert, jetzt die Flasche Wein auf den Tisch, bestenfalls noch die Füße hoch und TV oder Laptop an zum Abschalten"

Abschalten war das. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nach zwei Gläsern Wein war ich abgeschaltet. Ich ging ins Bett und hatte alle Sorgen beiseite gelegt. Mir kommen noch immer die Tränen, wenn ich an diese Zeit zurück denke, denn anstatt sich mit Gefühlen, Sorgen und Ängsten auseinander zu setzen, hat man alles in eine Schublade im Hinterkopf verfrachtet, Deckelchen drauf, morgen ist auch noch ein Tag.

Komischerweise fehlte mir der Alkohol überhaupt nicht. Aber es drehte sich trotzdem immer noch vieles um ihn. Ich verschlang alles, was mit Alkoholentzug zu tun hat und stellte erleichtert fest, dass ich gar keinen Entzug gemacht oder gebraucht habe. Der Hausarzt war auch verwundert, aber ich habe ja wirklich nicht rund um die Uhr getrunken, meine kleinen Entzüge kamen ca. um 19 Uhr, wenn ich meine Flasche Wein auf den Tisch stellte, um endlich etwas trinken zu können.

Da wird es tricky: „Dann kann es ja auch gar nicht so schlimm gewesen sein, oder?“ Da ist diese Falle, dieser Schweinehund, der sich noch ein Hintertürchen offen lassen will...

Ich habe es in der Vergangenheit durchaus geschafft, mal ohne Wein auszukommen, aber ich habe immer einen Keil in diese Hintertür gelegt, damit sie nicht ganz zu fiel. Am Tag 15 sehe ich das schon viel klarer und entschiedener. Diese Türe ist und bleibt zu.

Ich fuhr mit der Familie in den Urlaub und wir erlebten eine unglaublich intensive Zeit zusammen. Ich kann mich noch sehr gut an die Fahrradtour mit meinem Sohn erinnern, wir machten eine kleine Pause am Strand und ich erzählte ihm so kindgerecht, wie möglich, was ich gerade alles durchmachte. Er verstand aber nicht, warum ich wegen der paar Gläser Wein abends so einen drastischen Schritt ging. Viele Eltern tranken Wein oder Bier zum Abendessen, das sei doch normal. Und er war ganz erschrocken über mein Vorhaben, eine Weile nicht fliegen zu wollen, weil ich mir Hilfe suchen musste. Heute versteht er mich ganz und gar, heute ergibt vieles, was ich erreicht habe, für ihn einen Sinn.

Der Urlaub war in vielerlei Hinsicht sehr intensiv. Zum ersten Mal erlebte ich Ausflüge, Spätnachmittage in der Sonne, Essenvorbereitungen, Grillen, Spieleabende, Openair Konzerte, Sonnenuntergänge und so vieles mehr ohne Alkohol. Es war so schön, so klar und ehrlich. Ich schlief wie ein Baby, hatte keine ulkigen Täume, keine Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. Ich war fit wie nie zuvor.

Mein Mann fand meinen Entschluss, nicht mehr zu trinken, sehr gut. In diesem Urlaub trank er auch kaum etwas. Er stellte genauso wie ich fest, dass das abendliche Trinken zur Gewohnheit wurde und nicht mehr gut tat und ließ es bleiben. Sattdessen gab es abends Mineralwasser mit Zitrone oder andere leckere Limonaden. Er sah ja auch an mir, wie leicht es mir fiel, keinen Wein zu trinken und das spornte ihn irgendwie an.

Ich war wirklich ergriffen von seinem Handeln. Es zeigte mir, wie sehr er mich liebt und mich unterstützen wollte. Bis heute hat er kaum noch etwas alkoholisches angerührt und es fehlt ihm auch überhaupt nicht. Wahnsinn!! Das ist die allergrößte Unterstützung, die ich mir wünschen kann. Ich liebe ihn so sehr.

Tag 20

Der Urlaub näherte sich dem Ende und ich machte mir Gedanken, wie es weiter gehen konnte.

Ich wollte eine Suchtherapie machen, das stand ganz oben auf meiner Liste. Ich wollte regelmäßig zur Selbsthilfegruppe gehen und jeden Tag zum Sport. Das klang doch schon mal gut.

Ich hatte nach wie vor kein Verlangen nach Alkohol und schwankte zwischen diesem Wow Gefühl und vorsichtigem Respekt. Das Verlangen (craving) konnte jederzeit wiederkommen und dann musste ich lernen Nein zu sagen.

Tag 40

Fast sechs Wochen ohne Wein. Ich fühlte mich erhaben, glücklich, schwebend auf Wolke sieben. Nun ja, es war diese berüchtigte rosa Wolke auf der ich schwebte und das war eine sehr schwierige Phase der Abstinenz.

Ich zitiere Daniel Schreiber (taz): Rosa ist die Farbe einer massiven narzisstischen Hochwetterfront, im Grunde ist sie die Fortsetzung der ausblendungsfreudigen Wahrnehmungsstörung des Trinkers. Man glaubt instinktiv, dass man schon alle Prüfungen absolviert hat, die auf einen zukommen können.

Und genau das beschreibt es. Ich dachte, ich hätte keine Probleme mehr, alles wäre gut und es könnte so weiterlaufen wie bisher, nur ohne Alkohol.

Erstens waren erst sechs Wochen von 1000 weiteren vergangen (sofern ich gesund und munter bleibe). Zweitens hatte ich weder Partys, Feiertage, Jahrezeiten oder vielleicht auch Ärger, Streit oder traurige Erlebnisse durchgestanden und wusste nicht, wie ich damit klarkommen würde ohne Alkohol.

Drittens brauchte ich auch eine Therapie, eine richtige Suchttherapie, um zu verstehen, wie es zu diesem regelmäßigen Alkoholkonsum gekommen ist.

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Hey, ich habe mittlerweile schon einige Mails von Lesern bekommen. Vielen lieben Dank für euer Feedback. Ich mache natürlich weiter und hoffe, noch viele andere mit meinem Blog erreichen zu können :-)

Oben rechts auf der Homepage findet ihr die Kontaktadresse für weitere Fragen oder Mails.

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Tag 50

Meine Fitness wurde immer besser. Ich konnte morgens wieder joggen und auch mehrmals die Woche im Fitnessstudio trainieren. Ich fühlte mich richtig gut.

Bis auf die Abende, diese Feierabende, wenn die ganze Hausarbeit etc. erledigt war, dann blitzte so manches Mal dieser Schweinehund auf und erinnerte mich daran, wie schön entspannend doch jetzt so ein Glas Wein wäre. Aber dieser Gedanke blitzte nur kurz auf, es wurde wirklich von Tag zu Tag besser. Daran erkennt man ja auch, dassman sein Gehirn sehr gut umprogrammieren kann, ohne dass furchtbar Schlimmes passiert. Das war ja immer meine Angst, ich wusste nicht, was mit mir passiert, wenn ich meinem Körper dieses Zeug nicht mehr zuführe. Würde ich das ohne aushalten können? Würde ich schlecht gelaunt oder depressiv werden? Was macht das mit mir, wenn ich nach so vielen Jahren auf einmal keinen Alkohol mehr trinke?

Dem blöden Schweinehund hab ich stattdessen Paroli geboten. 7 Mind ist eine wunderbare Meditationsapp, mit der ich lernte, abzuschalten und mich auf mich zu besinnen. Sport und walken mit dem Hund halfen mir auch sehr. Der Gedanke an Alkohol wurde immer kleiner, er kam, aber er störte mich nicht mehr.

Tag 70

Nach der rosa Wolken Phase kann es zur Mauerphase kommen, das hatte ich in Erinnerung aus dem Buch: „Chianti zum Frühstück“.

Und so kam es auch.

Die letzten zwei Wochen waren tatsächlich nicht schön. Ich hatte Symptome einer Depression. Ich war oft müde, niedergeschlagen, antriebslos und wieder müde. Das hörte nicht auf und es war egal, was ich dagegen unternahm. Meditation beruhigte mich nur noch wenig und zum Sport konnte ich mich wegen einer Erkältung sowieso nicht aufraffen. Mir blieben nur lange Spaziergänge mit dem Hund. Das machte ich sehr gerne, das lenkte mich auch von den trüben Gedanken ab. Wie sollte es weitergehen? Die Familie und viele Freunde wussten ja noch nichts von meiner Suchterkrankung. Selbst meinen Eltern hatte ich es bis kurz vor der Reha nicht sagen können, so groß war meine Scham.

Ich ging weiterhin zur Selbsthilfegruppe, dort fühlte ich mich ja schon vom ersten Abend an sehr wohl und angenommen und dort konnte ich auch gut über meine Ängste sprechen.

Nach ca. drei Wochen besserte sich mein Gemütszustand. Meine Niedergeschlagenheit und Lustlosigkeit waren weg und ich fühlte mich wieder gut.

Ende September besuchte ich die betriebsinterne Beratung, den psychosozialen Dienst meiner Firma. Unter Tränen erzählte ich der Dame von meinen Erlebnissen und Gefühlen in den vergangenen Monaten. Sie hörte mir geduldig zu und gab mir zu verstehen, dass regelmaßiger Alkoholkonsum auch in geringeren Mengen krank macht und dass meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, die einzig richtige sei. Ich sollte sehr stolz auf mich sein. Stolz war ich nur ein kleines bisschen, die Scham trat viel deutlicher hervor und machte das Gefühl stolz zu sein, sehr klein.

Mir wurde bewusst, dass es eine sehr sehr anstrengende Zeit werden würde, wenn ich einmal wöchentlich zur vereinbarten Suchttherapie in meiner Heimatstadt gehen würde. Die Dame beim Sozialdienst erklärte mir, dass es viel effizienter sei, eine stationäre Reha zu machen. Diese Reha sollte ca 15 Wochen dauern. Aber damit konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Zum einen, wie sollte ich 15 Wochen Reha verheimlichen? Es sollte ja keiner wissen, was mit mir los war. Zum anderen, dreieinhalb Monate ohne meine Liebsten sein? Nein, das mache ich nicht. Ganz bestimmt nicht. Und was sollen denn die Nachbarn denken? (so dachte meine Mutter ja auch) Was soll ich denen denn erzählen? (Nichts-ist meine Privatsache)

Eigentlich wollte ich diese Suchttherapie so unauffällig wie möglich gestalten.

Ich erbat mir noch etwas Bedenkzeit und sprach erstmal zu Hause mit meinen Jungs darüber. „Na klar, würden sie mich vermissen, aber ich sollte mir keine Sorgen machen, sie würden das alleine schaffen und am Wochenende könnte ich ja auch mal nach Hause kommen oder? Die Hauptsache wäre, dass ich gesund und abstinent bliebe und glücklich sei“

Ich liebe die beiden so sehr dafür.

Dann gab ich das OK zur stationären Suchttherapie. Zusammen mit der Sozialarbeiterin arbeitete ich mich durch sämtliche Anträge, damit ich zeitnah diese Therapie beginnen konnte. Frau G. gab mir vom ersten Gespräch an das Gefühl, dass ich den richtigen Schritt gemacht hatte und sie sicherte mir jegliche Unterstützung zu. Sie empfahl mir die Salusklinik in Hürth bei Köln. Dort gab es auch eine Klinik für Psychosomatik und da dort auch eine längere Rehazeit eingeplant wird, erzählte ich erstmal den Leuten, dass ich eine psychosomatische Reha auf Grund meiner Migräneanfälle machen würde. Guter Plan. So waren erstmal alle still und zufrieden.

Tag 80

Es wurde langsam Herbst und meine Therapie startete in drei Wochen. Mir gingen so viele Gedanken durch den Kopf. Ich bekam zwischendurch immer mal wieder diese traurigen Gedanken, die Scham wollte nicht verblassen, die Schuld, die ich mir allein gab für meinen Zustand. Es war echt eine Herausforderung, jeden Tag mit positiven Gedanken zu beenden. Denn das versuchte ich immer noch in meinem 6-Minuten-Tagebuch festzuhalten. Ich war froh, dass ich mit diesem Tagebuch einen wichtigen Anker für mich besaß.

An einem verregneten Tag machte ich es mir mit einem Stück Kuchen und meinen alten Tagebüchern auf dem Sofa bequem. Es sollte ein gemütlicher Nachmittag vor dem Kamin werden. Mein Mann war arbeiten und unser Sohn war bei seinem Freund. Ich hatte also viel Ruhe und begann mit dem Buch von 1979. Damals war ich 13 Jahre alt.

Beim Lesen wurde mir schnell klar, dass ich schon sehr früh Alkohol getrunken habe.

Das hatte ich so nicht mehr in Erinnerung. Ich war entsetzt und sehr traurig.

Wir waren eine große Clique in unserem Dorf, ich hatte schon sehr früh einen Freund und zusammen mit den anderen Kids saßen wir tatsächlich mit 13/14 Jahren an den Wochenenden in diversen Kneipen und probierten Alkohol. Das war wohl normal damals. Wir brüsteten uns, wer am meisten vertragen konnte. Ich war nach der Scheidung von meinen Eltern vom rechten Weg abgekommen, wie man so schön sagt. Wir waren nicht kriminell, aber wir haben doch sehr viel Mist gemacht. Ich hatte ein sehr geringes Selbstwertgefühl und durch den Alkohol konnte ich einiges überspielen. Das machte mich stärker nach außen hin. Tief in mir drin war ich schon als Kind zerrissen, das Leben mit einem alkoholkranken Vater, diese Traurigkeit und Verzweiflung zu Hause, das sollte keiner von meinen Freunden mitbekommen.

Dieser Nachmittag auf dem Sofa war für mich sehr wichtig. Ich hatte so vieles von früher verdrängt. An diesem Tag erinnerte ich mich wieder an meine Kindheit und meine Jugend und nüchtern und nackt wie ich an Tag 80 war, tat ich mir unendlich leid und ich vergoss zum ersten Mal seit Langem viele viele Tränen. Ich konnte nichts dafür, meine Sucht war in der Kindheit entstanden, ich hatte keinerlei Hilfe bekommen. Meine Mutter hatte das gar nicht mitbekommen. Ich hatte mich ihr zwar öfter mal anvertraut, was Jungs anging, aber meine wahren Ängste und Gedanken behielt ich all die Jahre für mich. Ich wollte sie doch nicht belasten, denn sie war in ihrer zweiten Ehe auch nicht sehr glücklich. Ihr Ehemann war auch alkoholkrank, aber das machte sie ganz alleine mit ihm und sich aus: es begann alles von vorne. Keiner durfte etwas merken, sie spielte seine Krankheit und alles, was damit zu tun hatte herunter, es war immer alles in bester Ordnung.



Ich mache meiner Mutter keinen Vorwurf, ich liebe sie nach wie vor sehr, auch wenn wir ein schwieriges Verhältnis haben. Sie konnte selber auch nichts dafür, sie hat ihr Bestes gegeben und immer versucht, es allen recht zu machen. Sie hat sich jahrzehntelang für ihre Kinder, ihre Ehemänner, ihre Eltern, ihre Familie aufgeopfert und ganz ganz selten etwas Schönes für sich alleine getan.

Tag 90

Ich hatte eine gute Selbsthilfegruppe gefunden, den Kreuzbund. Wir sind eine Gemeinschaft von ungefähr 20 Suchtkranken und Angehörigen und ich fühlte mich von Beginn an sehr gut aufgehoben und verstanden.

Die Treffen brachten mich immer zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn mein innerer blöder Schweinehund ließ es ja gerne mal zu, dass ich mich sehr sicher in meiner Abstinenz fühlte. „Mir kann nichts passieren-ich werde ganz bestimmt nie wieder Alkohol trinken, drei Monate hatte ich ja schließlich schon geschafft...“

Ein Mitglied hatte einen Rückfall und er sollte wieder eine Suchttherapie machen. Die Gruppe ermutigte ihn zu diesem Schritt, sich dort auch endlich mal zu öffnen, zumal es nicht sein erster Rückfall war.

An diesem Abend war ich fix und fertig, weil ich doch sehr blauäugig mit dem Thema Suchtkrankheit umgegangen war. Das konnte durchaus passieren, dass man einen Rückschritt machte. Das passierte sogar sehr häufig, wie ich später noch lernen sollte. Aber man kann sich gut vorbereiten und Präventionsmaßnahmen ergreifen, damit man vorher die Kurve bekommt und abstinent bleibt. Das sollte ich alles in meiner Reha erfahren.

Tag 100

Der erste Tag in der Salus Klinik.

Am Vormittag fanden die ärztlichen Untersuchungen statt und mittags lernte ich meinen Paten Martin kennen. Er ging mit mir in den Speisesaal zum Mittagessen und zeigte mir danach den ganzen Klinikkomplex. Immer wieder wurde ich willkommen geheißen, ich lernte einige Leute aus meiner Bezugsgruppe kennen und erfuhr eine ganze Menge über die Klinik. Nachmittags hatte ich mein erstes Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin. Sie ist eine wunderbare, empathische und humorvolle Frau und sie unterstütze mich vom ersten Tag an.

Ich durfte ihr in groben Zügen von mir erzählen, sie hörte mir ganz ruhig zu und lobte mich sehr für meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr trinken zu wollen. Sie gab mir einfach vom ersten Moment an ein gutes Gefühl.

Abends war ich wie erschlagen von den ganzen Eindrücken. Hier sprachen die Leute offen über ihre Suchtmittel, das tat sehr gut und das war für mich eine ganz neue Erfahrung. Die Salus Klinik wurde nun für die nächsten Monate meine zweite Heimat.

In meinem schönen Zimmer angekommen, richtete ich mich erst mal gut ein, hängte Fotos von meinen Jungs, der Familie und Freunden auf und dann fiel ich am ersten Abend um 19 Uhr in einen tiefen Schlaf.

In der ersten Woche gab es viele Vorträge, viele Therapieangebote, die ich auswählen durfte und einige Regeln, die ich lernen musste. Ich musste mich damit anfreunden, dass zB. jederzeit ein Therapeut ohne Vorankündigung in mein Zimmer kommen konnte. Ich musste die Atem-Alkoholkontrollen nach Aufforderung machen und bei Bedarf Urin unter Aufsicht abgeben. Ich dachte erst, dass ich das nicht schaffe, aber die Krankenschwestern und Pfleger in der medizinischen Abteilung sind ebenfalls unglaublich feinfühlig und sehr nett.

Außerdem durfte ich tagsüber zu jeder Zeit außerhalb der Therapiezeiten das Klinikgelände verlassen.

Ich ging gerne raus zum Joggen um den Otto Maigler See, zum Walken und auch sehr gerne ins Einkaufszentrum stöbern und shoppen.

Mein Therapieplan sah so aus, dass ich mehrmals in der Woche Gruppen- und Einzeltherapie hatte, es gab wechselnde Sporteinheiten, Ergotherapien und Arbeitstherapien. Alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten.

Wenn ich dein Interesse geweckt habe unter,: www. salus-huerth.de findest du alle wichtigen Informationen.

Am nächsten Tag lernte ich Simone und die Gruppenmitglieder kennen. Simone war wie ich neu und wir wurden sehr herzlich in der Gruppe aufgenommen. Ich merkte schnell, dass ich mich in dieser Gemeinschaft wohlfühlen und auch öffnen konnte.

Tag 130

Die ersten 30 Tage in der Klinik waren vergangen und ich fühlte mich sehr wohl. Hier in der geschützten Umgebung fiel es mir auch weiterhin nicht schwer, abstinent zu bleiben.

Jedoch hatte ich einmal nachts einen Traum, der mich sehr erschreckte. Dieser Konsumtraum lauerte mir auf und ängstigte mich, weil er so realitätsnah war. Ich sah mich ganz klar mit einem Glas Wein in einer Hecke sitzen, so, als wollte ich mich verstecken. So einen ähnlichen Traum hatte ich danach noch einmal, aber da musste ich im Traum einen Rückfall öffnen, weil ich mit dem Glas Wein in einem Gestrüpp erwischt worden war.

Diese Träume haben mir echt sehr zugesetzt, ich war doch ganz klar abstinent, hatte keine Probleme nein zu sagen und ich hatte überhaupt keinen Suchtdruck - Warum träumte ich dann so etwas?

Diese Art von Träumen gehören zur Suchtbewältigung dazu. Sie können immer wieder kommen und uns verunsichern. Meistens träumte ich so, wenn z.B. jemand einen Rückfall hatte und dann die Reha abbrechen musste.

Ich besuchte zusätzlich noch die Indikativgruppe Frauen und Sucht. Diese 5 Einheiten haben mir sehr gut getan. Im Kreis von 5 anderen Patientinnen bearbeiteten wir in einem geschützten Rahmen Themen, die zum Teil sehr schwierig und schambesetzt waren. Da wurde z.B. nach der Beziehung zur Mutter/ zum Vater früher und heute gefragt.

Was wir von unseren Eltern übernommen haben, warum wir heute so sind, wie wir sind. Jedes Kind orientiert sich an seinen Bezugspersonen, es ahmt sie nach, es handelt wie sie. Ganz egal, ob es richtig oder falsch war.

In dieser Einheit habe ich auch verzeihen gelernt. Ich kann es meiner Mutter nicht zum Vorwurf machen, dass sie nicht mitbekommen hat, dass ich schon sehr sehr früh Alkohol getrunken habe. Ich kann eh nichts mehr daran ändern. Ich muss das Vergangene ruhen lassen und damit in Frieden leben.

Wenn ich ständig in Gedanken bei den Erlebnissen in der Vergangenheit bin, verliere ich zu viel Energie und ich kann nicht wertschätzen, was die Gegenwart für mich bereithält.

Ja, das hört sich schwulstig an, ist aber ein großes Thema im Achtsamkeitstraining.

Lebe im Hier und Jetzt und konzentriere dich darauf.

Und da wären wir wieder beim 6-Minuten-Tagebuch von Dominik Spenst. Er schreibt zum Beispiel, dass man sein Gehirn durch diese proaktiven, täglichen Wiederholungen neu verdrahten kann. Dazu braucht es aber eine Kontinuität über ungefähr 66 Tage. Mir hat es sehr tatsächlich gut geholfen, ich habe mich letztes Jahr voll darauf eingelassen und mein Gehirn Schritt für Schritt zu einem achtsameren Leben hingeführt.

Tag 140

Die Weihnachtsfeier hier in der Klinik rückte näher. Einige aus unserer Gruppe wollten mit ein paar Leuten aus der Tandemgruppe drei Weihnachtslieder vortragen. Das musste natürlich einige Male geübt werden, weil es ziemlich anspruchsvolle Songs waren. Unser kleiner Chor sollte vor der gesamten Belegschaft und den Patienten auftreten und das sollte richtig gut werden. Wir hatten einen Dirigenten, einen Pianisten, zwei Gitarristinnen und richtig tolle Stimmen in diesem Chor. Mit großer Unterstützung von unseren Bezugstherapeuten wurde es eine richtig gute Show. Wir sangen „Mary did you know, Wonderful Dream und City of Stars“ und bekamen richtig viel Applaus.

Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine tolle Gemeinschaft in einer Suchtklinik erleben würde und dass mir das Singen noch so viel Spaß bereitete.

Die Salusklinik hatte für diese Weihnachtsfeier im Hof der Klinik Zelte und Sitzgarnituren aufgebaut und bei weihnachtlicher Musik gab es Kinderpunsch, Früchtetee und ganz hervorragendes Essen. Aus vielen Gruppen wurde etwas vorgetragen, gesungen oder aufgeführt und es waren teilweise sehr rührende Darbietungen dabei.

Dieser wunderschöne Abend wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Weihnachten konnte kommen.

Tag 150

Für mich war ganz klar, dass ich nicht nur jedes Wochenende mit meiner Familie verbrachte, sondern auch das Weihnachtsfest mit ihnen feiern wollte. Jedes zweite Wochenende und über die Feiertage durfte ich sogar zu Hause übernachten, das war schon prima.

Aber es gab viele hier, die nicht mal eben nach Hause konnten, weil sie z.B. zu weit weg wohnten und das Geld für die Fahrten knapp war. Manche hatten auch keine Familie oder keine Bleibe mehr, das war schon ziemlich traurig mit anzuhören.

Einige Leute wurden zunehmend gereizter und trauriger, ja sogar rückfallgefährdet.

Aus dem Grund hatte die Klinikleitung wie jedes Jahr diese Weihnachtstage in der Klinik besonders liebevoll ausgerichtet. Für die, die nicht nach Hause konnten, aus welchen Gründen auch immer.

Es war überall war festlich geschmückt und es gab Adventsnachmittage mit selbstgebackenen Plätzchen und ein unglaublich aufwendiges Essen. An Heiligabend gab es eine Weihnachtsfeier für die Patienten, es wurden Gedichte vorgetragen, Lieder gesungen und es gab sogar ein kleines Geschenk für jeden.

Ich fuhr nach Hause feierte das Weihnachtsfest mit meiner kleinen Familie. Wir besuchten den Gottesdienst, sangen Weihnachtslieder und so manche Träne kullerte aus meinen Augen. Ich erinnerte mich an das vergangene Weihnachtsfest, da gab es nachmittags eine frühere Bescherung, weil ich keine Lust auf den Gottesdienst hatte und auch viel lieber nachmittags schon ein oder zwei Gläschen Sekt trank. Ich beweinte aber nicht den Sekt, den ich nicht bekam, sondern ich beweinte mich, weil ich mich so viele Jahre belogen hatte.

In diesem Jahr war es viel reiner, klarer, ruhiger, ehrlicher, und weihnachtlicher. Es wurde ein unglaublich schöner Nachmittag und Abend, mit viel Freude, Liebe und Lachen. Natürlich auch mit einer kleinen Bescherung ;-)

Unser Fondue Essen mit Mineralwasser und Limo für alle war ein voller Erfolg und es war rundherum ein wunderschöner Heiliger Abend.

Am Tag darauf feierten wir mit meinen Schwestern, deren Partnern und mit unseren Eltern.

Dieser zweite Feiertag war früher immer ziemlich anstrengend. Es gab Kaffee und Kuchen und abends immer einen leckeren Braten. Aber es gab auch immer recht früh Wein und Bier, so dass alle erstmal schön entspannt waren. Meine Mutter verschwand dann für eine lange Zeit in der Küche und wir versuchten uns zu unterhalten, was natürlich ab dem zweiten Glas Alkohol bedeutend leichter fiel. Meine Mutter trank ganz selten einen Schluck Wein, aber wir anderen freuten uns immer über den leckeren Wein, den mein Vater gerne einschenkte. Das hob die Stimmung und meine Mutter freute sich über die gute Atmosphäre in ihrem Haus. Die ja irgendwie nicht ganz ehrlich war. Ihr wisst genau, wovon ich spreche...

Dieses Weihnachten aber war viel schöner und entspannter. Es gab zum ersten Mal keinen Alkohol und das war für alle eine gute Erfahrung. Wir haben viel geredet, auch viel gelacht, die Stimmung war einfach viel viel besser als früher.

Tag 160

Über den Jahreswechsel hatte keiner der Patienten Ausgang. Das hörte sich erst einmal schrecklich an, aber es war auch ganz gut so. Für einige war der Konsumverzicht noch nicht lange her und keiner wusste, wie er diesen ersten Jahreswechsel ohne sein Suchtmittel überstehen würde.

Aber der Abend war einfach super. Das Festkomitee hatte geschmückt, die Tische dekoriert, es gab eine Fotobox, es gab Spiele, ein Quiz und richtig gute Musik zum Tanzen.

Die Klinik spendierte wieder ein außergewöhnlich gutes Buffet, dazu gab es reichlich Softdrinks.

Es war meine erste nüchterne Silvesterfeier und ich hatte mächtig Bammel davor. Den anderen erging es teilweise genauso, aber durch die verschiedenen Spiele waren wir alle erstmal gut abgelenkt. Gegen 22 Uhr ging ich dann aber auf mein Zimmer. Ich hatte keine Lust zu tanzen, ich wollte nur alleine sein. Auf einmal vermisste ich meine beiden Männer zu Hause und ich wurde richtig traurig. Das war eine schmerzliche Erfahrung, um Mitternacht am Fenster zu stehen und die Raketen zu hören. Es war total nebelig, man konnte das Feuerwerk nur erahnen und mir kullerten wieder viele Tränen die Wangen herab. Ich konnte mich nicht zurückhalten, ich weinte so viel, wie schon lange nicht mehr.

Mein böser Schweinehund meldete sich mehrmals in dieser Nacht: Sieh, wo du hier gelandet bist- wärst du nicht so schwach gewesen, hättest du bei deiner Familie sein können- er hörte nicht auf, mich runter zu putzen und ich ließ es geschehen.

So einen Jahreswechsel braucht kein Mensch.

Nach ein paar Stunden Schlaf fuhr ich dann nach Hause zu meiner Familie, um Neujahr zu feiern und zu Hause angekommen, waren meine Tränen wieder schnell vergessen. Ich blühte in ihrer Gesellschaft regelrecht auf und genoss die Stunden mit meinen Liebsten. Und ich war wieder die stolze Frau, die schon so viel erreicht hatte, nämlich, sich endlich einzugestehen, dass Alkohol nichts mehr für sie tat.

*******Ein gesundes neues Jahr für euch alle *******


Tag 180

Mittlerweile waren die ersten vier Wochen im neuen Jahr vergangen. Ich fuhr wie immer jedes Wochenende nach Hause und genoss die Zeit mit meiner Familie.

Mittwochs besuchte ich mit ein paar Jungs aus meiner Bezugsgruppe die SUSE in Köln. Diese Selbsthilfegruppe war ganz anders, als die, die ich aus meiner Heimatstadt kannte. In der SUSE kamen Themen zur Sprache, die mich sehr mich sehr beschäftigten. Dort waren Leute mit allerlei verschiedenen Suchtmitteln und mit Problemen unterschiedlichster Art. Heftige Geschichten und Rückfälle ließen mich nachts nicht schlafen. Da waren die Treffen mit dem Kreuzbund der reinste Kaffeeklatsch.

Dann gab es noch diese Präventionsveranstaltung Mitte Januar. Zwei Mitpatienten und ich durften vor einer Gruppe junger Menschen von unserer Sucht erzählen. Das war schon eine Herausforderung vor Fremden zu sprechen, aber nach ein paar Minuten klappte es ganz gut. Wir wurden gefragt, seit wann wir das Suchtmittel nahmen und was es aus uns gemacht hatte. Wir antworteten abwechselnd und wir hatten das Gefühl, dass unsere Geschichten gut bei ihnen ankamen. Ich dachte mir nur, dass ich durch ehrliche Schilderungen vielleicht wenigstens einen jungen Menschen davon überzeugen konnte, keine Drogen zu nehmen, keinen Alkohol zu trinken und das spornte mich regelrecht an. Der Nachmittag verging wie im Flug und die Gruppe nahm ganz bestimmt einige hilfreiche Gedanken mit. Wer weiß? Hätte ich früher die Chance gehabt mit Alkoholkranken zu sprechen, vielleicht wäre ich vorsichtiger gewesen? Ich denke, ja!


200 Tage

Die letzten Wochen in der Reha waren sehr aufregend. Bei mir ging es langsam auf die Entlassung zu und ich zählte meine letzten Tage dort. Ich bin sehr gerne in der Klinik gewesen, ich habe viel gelernt und über mich erfahren und ich bin unheimlich froh, dass ich mich für die stationäre Reha entschieden habe. Das Erarbeiten von Notfallplänen, Strategien, um mit Drogenverlangen umzugehen, das Besprechen von Schutzfaktoren (Ressourcen), all diese Themen gaben mir ein Gerüst für die Welt da draußen.

Auch, wenn ich keine "rund um die Uhr" Alkoholikerin bin, für mich bedeutet das jeden Tag auf's Neue: Ich achte mich und ich achte auf mich. Ich schaffe mir, so gut es geht, eine ausgeglichene Lebenssituation. Ich unterschätze niemals meine Sucht. Ich lebe ein strukturiertes Leben und setze mir smarte Ziele, die ich auch ohne frustriert zu sein, umsetzen kann. Das 6-Minuten-Tagebuch erinnert mich morgens an die Achtsamkeit und hilft mir abends zu erkennen, ob mein Tag weitestgehend stressfrei, ruhig und positiv war.

In unserer Gruppe sprachen wir sehr viel über Rückfallprophylaxe, das war wirklich ein sehr wichtiges Thema. In den dreieinhalb Monaten, die ich in dieser Reha war, haben es einige leider nicht geschafft, abstinent zu bleiben. Obwohl sich so ein Rückfall über Tage, wenn nicht Wochen vorher ankündigt, gelang es einigen leider nicht, vorher die Notbremse zu ziehen und sich Hilfe zu holen. Solche Rückfälle ließen mich nachts nicht zur Ruhe kommen, sie machten mir sehr bewusst, dass es ein täglicher Kampf sein kann, wenn man abstinent leben will.

Bisher kannte ich diesen Kampf nicht. Ich hatte lediglich kurze Blitzgedanken, meistens kamen sie abends, oft nach ausgiebigem Sport oder viel Hausarbeit (Belohnung) aber sie kamen ganz ganz selten. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass so ein Kampf sehr kräftezehrend ist.

Im Februar hatte ich meine Rehawoche zu Hause. Eine Belastungserprobung im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Klinik war man ja in einer Käseglocke. Natürlich durften wir am Wochenende nach Hause, aber das war ja für eine kurze Zeit, ohne Arbeit, ohne Hektik, ohne Stress. In dieser einen Woche aber merkte ich, wie alltagsträge ich doch geworden war. Dann kamen noch zwei Krankheiten meiner Eltern hinzu, die übliche Hausarbeit und kaum Zeit für Sport. An Tag drei merkte ich schon, dass es schwieriger wurde. Also nahm ich mich zurück, vertagte den Haushalt auf die Zeit nach der Reha und kümmerte mich erstmal mehr um meinen Sport, meine kleine Familie und unseren Hund. Die langen Spaziergänge mit dem Hund brachten viel Ruhe rein und so konnte ich den Rest der Woche noch mit meinen Liebsten genießen.

So wird es jetzt immer sein. Ich muss acht geben, mich mehr zurücknehmen, nicht immer "hier" rufen und mich jeden Tag auf meine Mission konzentrieren :-)

Mein Leben ohne Alkohol.

In dem Moment, in dem ich das Problem nicht mehr ernst nehme, zu nachlässig werde, könnte der blöde Schweinehund zuschlagen. Das sollte ich immer im Hinterkopf haben. Aber bei mir beißt der garantiert auf Granit!

210 Tage

Ich bin seit vier Tagen zu Hause.

Am vorletzten Tag gab es eine sehr rührende Abschiedszeremonie in Köln in einem Café.

Die Therapeutin und die Jungs aus meiner Gruppe übergaben mir meine Unterstützungspost für den Notfall. Jedes Gruppenmitglied schrieb mir einen kurzen Brief mit aufbauenden Gedanken. Das soll für einen eventuellen Rückfall sein, der hoffentlich nie eintreten wird. Danach nahmen sie nacheinander meinen Stein in die Hand und wünschten mir Glück, Durchhaltevermögen und alles Gute für meine Zukunft. Ich war wirklich sehr ergriffen, zumal ich diese wundervolle Erinnerung an uns in diesem Café, statt im nüchternen Gruppenraum habe.

Abschließend machten wir eine Dombesichtigung, bei der es, dank unserem witzigen Domführer, viel zu lachen gab. Diesen letzten Tag mit Frau M und den Jungs werde ich nie vergessen. Danke euch dafür :-)


237 Tage

Jetzt bin ich schon vier Wochen zu Hause, meine Schulungen zur Wiedereingliederung sollten in den kommenden Tagen stattfinden. Daraus wird nichts.

Denn die ganze Welt ist auf den Kopf gestellt.

Ich werde wohl erstmal in keinen Flieger einsteigen. Das macht mich sehr sehr traurig und auch frustriert, denn ich hatte mich ja wirklich darauf gefreut.

Covid-19 macht uns allen einen dicken Strich durch die Rechnung. Die Leute haben Angst, einige wenige nehmen die Ansteckungsgefahr auf die leichte Schulter und viele Leute, so wie wir, fürchten sich vor dieser finanziellen Katastrophe, die über uns hineinbricht. Auch wenn die Politiker das noch alles schön reden.

Im Moment beherrscht das Thema "Ausgangssperre" unseren Kreis Heinsberg. Heute starben wieder vier Menschen, insgesamt bisher 13 Personen. Wo soll das noch hinführen? Es wäre ein leichtes, jetzt eine Flasche Wein zu öffnen. Man hat es sich ja verdient, dieses ganze Elend, dieser Virus, die Kurzarbeit, vielleicht auch noch die Ausgangssperre...Ich tue es aber nicht. Alkohol tut nichts mehr für mich.

Ich mache mit meiner kleinen Familie seit zwei Wochen eine, mehr oder weniger häusliche Quarantäne, wir mischen uns schon lange nicht mehr unter Leute, besuchen auch unsere Eltern und andere ältere Menschen nicht, sondern bleiben meistens hier zu Hause. In einem Haus mit Garten und im Frühjahr ist es ja kein Ding. Es gibt genug im Garten zu tun.

Meine Gedanken sind immer bei den Menschen, die dieses Glück nicht haben, die Familien, die sich mit ihren Kindern nur eine kleine Wohnung leisten können. Und ganz besonders bei den vielen Senioren, die noch alleine in ihren Wohnungen oder Häusern leben. Die gefährdet sind und Unterstützung brauchen.

Wir kümmern uns um einen 85 jährigen Herrn in der Nachbarschaft und um einen weiteren 89 jährigen in der Nachbarstadt, dazu noch um unsere Eltern. Diese Menschen sind einsam, jetzt noch viel einsamer, da sie jetzt noch nicht einmal Besuch bekommen. Das macht mich sehr traurig.

Aber trotz dieser ganzen traurigen Zeit hatte ich kein Verlangen nach Wein. Das scheint tatsächlich aus meinem Gehirn gelöscht zu sein. Das ist unglaublich aber wahr und es ist so ein befreites Sein. Mein Mann lebt das auch mit mir, es tut richtig gut, gerade in dieser besonderen und schweren Zeit einen klaren Kopf zu haben. Dieses Kopf in den Sand Gefühl habe ich nicht mehr, ich setze mich auseinander, jeden Tag aufs Neue und ich habe viel Power, Lust und Antrieb.

Ich habe mir angewöhnt, morgens meine 45 Minuten Yoga zu machen, danach noch etwas Hanteltraining. Ich freue mich richtig darauf, das ist morgens ein schönes Ritual geworden, Kaffee, 6-Minuten-Tagebuch, danach Yoga und dann erst gehe ich mit dem Hund. Das habe ich auch in der Reha gelernt, erst ich und dann die anderen!

Wir bleiben weiterhin in häuslicher Quarantäne, soweit es geht, gehen nur zum Einkauf raus und wünschen allen eine gute Gesundheit.

Bitte schreibt mir gerne, was euch beschäftigt in dieser Zeit.



Tag 246

Corona ist überall präsent, es ist ganz furchtbar. Ich darf nicht fliegen, da ich keine Lizenzen habe. Das macht mich auch sehr traurig, weil ich mich ja echt auf's Fliegen gefreut hatte. Ich hätte auch gerne diese Rückholflüge gemacht, weil ich irgendwie helfen möchte in dieser Zeit. Wir haben Kurzarbeit bekommen und bleiben tatsächlich, bis auf ein paar wenige Kolleginnen, zu Hause.

Gestern kam ein Aufruf von einer Senioren WG hier in der Nähe. Da viele Pflegerinnen und Personal erkrankt sind, fehlen dort Hilfen. Ich habe mich daraufhin bei der Dame gemeldet und darf am Montag für vier Stunden dorthin, um zu helfen. Wahrscheinlich kümmere ich mich mit jemandem um das Essen und was sonst noch so anfällt, da ich mir die Pflegetätigkeit erstmal nicht so zutraue. Ich bin total gespannt, wie es mir da gefällt und ob ich die Chance bekomme, in dieser WG auszuhelfen. Ich kann auch Spiele mit den Senioren spielen oder etwas vorlesen, das wird schon eine gute Sache und ich freu mich richtig darauf.

Wer weiß, wann die Fliegerei wieder losgeht und zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf.

Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht? Das Leben geht einfach weiter, die Bäume und Pflanzen sprießen, die Natur macht einfach weiter und dazu scheint seit Tagen pausenlos die Sonne. Es ist Frühling, meine Lieblingsjahreszeit und ganz ehrlich, hätte ich diese Reha nicht gemacht, wäre ich schon manches Mal verzweifelt. Aber mit diesen Erfahrungen, die ich in der Suchttherapie gemacht habe, habe ich ein richtig starkes Kreuz bekommen, ich bin ausgeglichen und positiv und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.

In NRW haben wir mittlerweile 11.000 Menschen, die sich infiziert haben und 92 Menschen, die daran gestorben sind. Ich bekomme die Bilder aus dem Fernsehen nicht mehr aus meinem Kopf, von den Patienten, die beatmet wurden und dabei fast nackt auf dem Bauch lagen. Diese Bilder werden für immer in meinem Kopf sein. Ich bete ganz oft, dass es keinen von unseren Familien so erwischt, das wäre wirklich furchtbar. Keiner soll so da liegen, keiner sollte an diesem Virus sterben müssen. Da tröstet es auch nicht, wenn man die Zahlen aus den anderen Ländern hört, wir haben vergleichsweise noch! wenige Fälle, die tödlich enden, aber wir sind noch lange nicht über den Berg.

Gott sei Dank weiß unser Sohn schon sehr viel über diese Krankheit, wir sprechen ja auch jeden Tag mehrmals darüber, aber ich merke auch, wie gut ihm das tut, diese Themen auch einfach mal auszublenden. Seit ein paar Tagen baut er an einem tollen Lautsprechergehäuse, dann werden die Lautsprecher ausgiebig abgestimmt und wenn er damit durch ist, werden Holzmöbel für den Garten gebaut. Wir machen Radtouren und Spaziergänge und vertreiben uns im Garten die Zeit. In dem Alter kann er sich ja auch prima alleine beschäftigen ;-)


Tag 252

Wir dümpeln die Nachmittage im Garten, pflanzen Blumen und Tomaten und Gurken und freuen uns über den Sonnenschein.

Die Osterferien haben begonnen und ich habe seit einer Woche einen Minijob.

Letzte Woche suchte eine Senioren WG eine Haushaltshilfe und Pflegerinnen, da die Pflegekräfte und Hilfen alle erkrankt waren. Ich dachte erst, dass sei vorübergehend und nur für ein paar Tage und meldete mich bei der Besitzerin. Ich konnte sofort am Montagmorgen dort anfangen. Ich wurde mit Mundschutz, Handschuhen und Kittel ausgestattet und wurde zusammen mit einer anderen Helferin erstmal zum Putzen der oberen Bäder eingeteilt. Das hatte ich vorher alles mit der Chefin abgesprochen. Die Arme war seit drei Tagen fast alleine rund um die Uhr für ihre sieben Senioren da und sie war völlig fertig. Es gab irre viel zu tun, die Bewohner mussten ja rund um Uhr versorgt werden und so half ich, wo ich konnte. Tisch decken, Essen in der Krankenhausküche abholen, servieren, zusammen beten und essen, erzählen, ja auch putzen, aber das ist überhaupt kein Ding, da es ein sehr gepflegtes Haus ist. Es ist wie in einer großen Familie und am 3. Tag lief es wie selbstverständlich.

Die Chefin mochte mich von Beginn an und sie lobte mich, wo sie nur konnte. Das ist natürlich eine schöne Erfahrung, ich bin sehr happy, eine Beschäftigung zu haben, die mir Spaß macht und mir gut tut.

Mir sind die sechs Senioren schon ans Herz gewachsen, ich freue mich jeden Morgen, wenn ich da hin fahre. Das hätte ich ja nie gedacht, dass ich als Hauswirtschafterin in einem Seniorenheim arbeiten würde. Ich hätte das auch ehrenamtlich gemacht, aber um so mehr freue ich mich, dass ich jetzt für die Stunden prima bezahlt werde, das macht ja dann doppelt so viel Freude. Ab übernächster Woche bekomme ich einen 450€ Job und da ich ja im Moment nicht fliege und Kurzarbeitergeld bekomme, passt das ja auch ganz gut.

Ich laufe eigentlich auch seit dem zweiten Tag ohne Schutzkittel und Mundschutz herum, da es sehr lästig ist und ich eh keine Angst vor Ansteckung habe. Ich ziehe Handschuhe an und wasche und desinfiziere mir ständig die Hände, das wird schon gut gehen.

Mir ist die Tante der Chefin sehr ans Herz gewachsen. Sie ist 78 und dement. Aber wenn sie eine gute Zeit hat und ansprechbar ist, haben wir beide einen guten Draht zueinander. Das erfüllt mich so sehr mit Freude, das tut unheimlich gut, zu sehen, wie sie dann strahlt.

Auch die anderen sind allesamt sehr liebenswürdige Menschen, die es in dieser WG sehr gut haben. So eine Senioren WG wäre auch etwas für mich im Alter. ;-)

Meine Nachmittage sind sehr unterschiedlich, ich muss mittlerweile nur jeden zweiten Tag arbeiten, so dass ich an dem freien Tag, vieles zu Hause erledigen kann. Gestern habe ich mit meinem Sohn Pflanzen gekauft, die werden wir noch alle bis Ostern einpflanzen.

Gestern war ein sehr anstrengender Tag in der WG. Da immer noch viele Kolleginnen krank sind, sind wir in Einzelschichten und da fällt auch schon mal mehr Arbeit an. Puhhh, als ich um 14 Uhr Feierabend hatte, war ich auch ganz schön erledigt. Ich merke schon, dass diese Art von Arbeit etwas anderes ist als Fliegen. Aber dafür bin ich nachmittags zu Hause bei meinen Lieben. Ich denke auch, dass ich da auch noch reinwachsen muss, das wird sich schon noch geben. Zum Trost gab es dann Kaffee und Kuchen im Liegestuhl :-)

Ich denke seit ein paar Tagen viel an unsere Rückfallprophylaxe. Ich muss sehr aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr stresse und daran denke, nicht zu viel zu machen und mehr für mich zu tun. Gestern war so ein Tag, an dem ich mal kurz am Limit war. Wir hatten abends noch einen Wasserschaden in der Waschküche, da haben wir dann alle drei um 21 Uhr noch im Keller gerödelt und Wasser aufgewischt. Ich hatte schon furchtbare Rückenschmerzen vom Arbeiten und anschließendem Teich säubern und lag gemütlich in meinem Bett, als der Aufschrei aus dem Keller kam. Ich bin anschließend nur noch tot ins Bett gefallen, so erledigt war ich. Früher hätte ich auf jeden Fall erst mal ein, zwei Gläser Wein getrunken nach so einem anstrengenden Tag, aber dieses Verlangen ist, Gott sei Dank, komplett weg.

Leider hat der Schlaf auch nur bedingt geholfen, ich muss heute auf jeden Fall mehr für mich tun. Das bedeutet, dass ich gleich erstmal Yoga mache, bevor ich mit dem Hund gehe. Das wird mir bestimmt gut tun.


284 Tage


Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin in Kurzarbeit, es gehen nur ganz wenige Flüge und keiner davon ist für mich, weil ich im Moment ohne Lizenzen bin. Das bedeutet, ich muss erst mal Emergency Schulungen machen, bevor ich in den Flieger darf. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass es bald losgehen wird. Meine erste Schulung habe ich schon am 19.5. An diesem Tag muss ich auch zum Fliegerarzt zur Blutentnahme.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Minijob in der Senioren WG gefunden habe, das war wirklich ein sehr glücklicher Zufall. Ich fühle mich dort sehr wohl und ich hab die Bewohner sehr liebgewonnen.

Einmal die Woche hatte ich bisher ein Telefonat mit der Nachsorge Therapeutin. Diese Gespräche haben mir sehr gut getan, ich bin froh, dass es diese Nachsorge gibt. Denn ich habe, selbst nach über neun Monaten Abstinenz, noch ab und an diese ganz kurzen, federleichten Gedanken an Wein. Besonders, wenn ich in der Nachmittagsschicht arbeite, die um 18 Uhr endet. Feierabend!!! Es passiert nur ganz ganz selten und es ist überhaupt nur ein Atemzug lang, aber der Gedanke an Belohnung kommt einfach so angeflogen. Das ist zu Beginn echt erschreckend gewesen. Auch, wenn ich nur kurz dachte: "Tja, früher hättest du dir jetzt nach der Arbeit den Wein gegönnt..."

Dafür gönne ich mir nun ein Eis oder etwas anderes und ich bin unendlich dankbar, dass dieses Gefühl, dieses Verlangen, dieses "ist mir doch egal-ich trinke jetzt etwas" überhaupt nicht hochkommt. Ich nehme den Gedanken an, mir macht er keine Angst mehr-im Gegenteil, ich bin stolz wie Oskar, dass ich den Gedanken so annehmen kann.

Über diese Gefühle habe ich dann auch in diesen Nachsorge Telefonaten gesprochen. Diese Therapie geht übrigens heute Abend weiter, da wir uns heute zum ersten Mal in der Gruppe treffen werden. Natürlich mit Mundschutz. Mal sehen, wie das wird, da ich diese Gruppe noch nicht kennengelernt habe.

Wir tauschen uns auch in der Kreuzbundgruppe aus, das machen wir meistens Mittwoch per Whats App. Eigentlich ist es gut, Kontakt zu halten, aber die Gruppentreffen fehlen mir doch sehr. So langsam wird es ja auch damit wieder losgehen können, da die Einschränkungen aufgrund von Covid-19 vorsichtig gelockert werden.

Ich möchte euch noch erzählen, wie zufrieden ich bin. Wie stolz ich bin, denn früher hätte ich den Kopf in den Sand gesteckt, hätte diese Situation gar nicht richtig wahrnehmen können oder wollen. Heute bin ich fokussiert, nehme das Leben an, so wie es ist und mache jeden Tag das Beste draus. Das hätte ich früher nicht geschafft.

Das werde ich euch Ende des Monats noch ausführlicher beschreiben;-)

Bis dahin- bleibt gesund


309 Tage


Whooohoooo

Eigentlich zähle ich die Tage gar nicht mehr. Es ist so, dass ich den Alkohol überhaupt nicht vermisse. Diese kurzen Gedanken daran machen mir keine Angst mehr. Ich bin so unglaublich happy und stolz, dass ich auch jetzt, im dicksten Familienstress abstinent und ruhig bleiben kann.

Es sind in der letzten Zeit leider sehr viel passiert, meine Eltern sind beide sehr krank geworden, in der erweiterten Familie gibt es große Probleme. All das hätte mich früher zum Trinken animiert. Frei nach dem Motto: "Das kann man ja auch gar nicht aushalten, da muss ich erstmal Wein trinken zur Beruhigung und um das alles zu vergessen/verdrängen."

Stattdessen bin ich hellwach, optimistisch und reflektiert, weil ich es jetzt auch kann!!! Früher hatte ich gar keine Energie dazu, früher habe ich eher den Kopf in den Sand gesteckt, nicht weiter darüber nachgedacht, sondern mich einfach nur betäubt.

Ich arbeite nach wie vor in der Senioren WG und mittlerweile ist es so, als würde ich meinen eigenen Haushalt führen. Alles geht leicht von der Hand, es ist Routine geworden. Die Wohngemeinschaft hat jetzt noch eine neue Bewohnerin dazubekommen, nun leben dort sieben Senioren und ich finde immer öfter auch die Zeit zum Vorlesen oder Singen. Die Tagesschichten sind so aufgeteilt, dass die erste Schicht morgens bis 14 Uhr die anstrengendste Zeit ist. Da habe ich richtig viel zu tun. Aber Sonntags schaffe ich es immer, ein, zwei Märchen vorzulesen und ein paar Lieder mit den Bewohnern zu singen. Diese Arbeit macht mir sehr viel Freude, sie passt genau zu meiner Verfassung, das ist meine Belohnung, meine gute Zeit, die ich jetzt richtig und aus vollem Herzen genieße.

Wenn es bald wieder mit der Fliegerei losgeht, werde ich ganz bestimmt weniger fliegen und in der WG bleiben, ich merke sehr, wie gut mir ein geregelter Tagesablauf tut und wie sehr ich mein Zuhause mit meinen beiden Männern genieße.

Ich habe im Mai eine Schulung bekommen, so dass ich eigentlich auch schon im Juni Kurzstrecke fliegen könnte. Mein Plan ist aber leer geblieben und so kann ich mich in diesem Monat noch zurücklehnen und brauche meinen großen Reisekoffer noch nicht zu packen.

Es würde mich sehr freuen, wenn ihr mir Nachrichten oben unter Kontakt sendet :-)


353 Tage


Ich habe mich sehr über euer feedback per email (hier oben im Kontakt) gefreut. Es zeigt mir, wie wichtig das Thema Alkohol ist und wie viele es gibt, die die gleichen Gedanken haben. Ich werde hier weitermachen und hoffe, ich kann so vielen anderen Mut machen :-)


Heute werde ich euch viel über Achtsamkeit berichten. Früher dachte ich, dass ist nichts für mich. Heute bin ich der Meinung, dass ein achtsames Leben für jeden gut ist.

Innehalten und wieder zu sich kommen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe es in den letzten vier Wochen immer mehr schleifen lassen und habe mich mehr um andere, als um mich selber gekümmert. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber irgendwie war ich auf einmal überfordert. Für das Tagebuch hatte ich mir im Juni auch nur sporadisch Zeit genommen, für Yoga am Morgen oder Sport noch viel weniger...

Ich habe stattdessen an der Verschönerung unseres Wohnwagens gearbeitet, an vielen Abenden bis 21 Uhr gebastelt, geklebt, genäht usw.

Dazu gab es wieder ganz viele Probleme mit meiner kranken Schwester. Ich war oft bei meinen Eltern, habe zugehört, versucht zu trösten oder auch nach Lösungen gesucht. Es ist wirklich ein Drama, was sich bei meinen Eltern abspielt.

Im Juni war ich viel in der Senioren WG arbeiten. Das macht mir nach wie vor viel Spaß. Aber ab August werde ich das auch wieder reduzieren. Ich habe seit Wochen ganz schlimme Schmerzen am linken Fuß, der Hallux und Fußballen zicken rum, sobald ich mehr als 3-4 Stunden auf den Beinen bin. Das macht mir richtig Kummer und ich vermute, dass es auf eine Fuß OP hinausläuft.

Ich will euch nichts vorjammern, nur zeigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

Natürlich gibt es im Leben oft unschöne Dinge, die passieren, aber es darf nicht zu viel werden und man sollte sich immer hinterfragen, ob man noch mehr schafft?!!!

Das Hinterfragen hatte ich vergessen und so war ich ganz schnell täglich mit Gedanken konfrontiert: Die Sorgen um meine Schwester, meine Eltern, furchtbare Fußschmerzen, mein Nebenjob, Wohnwagen, Haushalt, zu faul zum Sportmachen, Yogamachen.......das dauerte vier Wochen, da war ich an einem Tiefpunkt angelangt, der mir wirklich Angst machte.

Das Leben ist einfach so, viel Auf und Ab, mal Sorgen, mal wieder Schönes, mal 2-3 Dinge mehr, um die man sich kümmert. Irgendwann kann man nicht mehr. Ich! konnte nicht mehr. Ich! hatte wieder viel zu oft HIER gerufen, wenn Not am Mann war - was auch immer es war.

Für mich kam der Punkt letzte Woche Montag, da bin ich abends um 18 Uhr ins Bett gefallen und habe 13 Stunden geschlafen. Am Morgen habe ich wieder ins Tagebuch geschrieben und mir so wieder vor Augen geführt, dass es so nicht weitergehen kann. Ich bin krank, ich darf das nicht unterschätzen. Ich muss auf mich acht geben.

Ich bin am nächsten Tag zu meinem Nachsorgegespräch gegangen, habe alles erzählt und natürlich einiges zu hören bekommen. Schnell merkte ich doch, wie nah ich einem Rückfall gekommen war. Obwohl ich in den letzten Wochen trotz Stress nie an Alkohol gedacht habe. Das ist für mich echt tabu. Stattdessen wurde meine Stimmung mieser und mieser und ich bekam leichte Depressionen. Müdigkeit, Schlappheit und null Elan zogen mich richtig runter. Zuerst dachte ich, dass es am Prednisolon lag, das ist ein kortisonhaltiges Mittel gegen meine Fußschmerzen. Eine der Nebenwirkung war depressive Verstimmung.

Aber wenn ich ehrlich bin, muss es an meinem schlechten Allgemeinzustand gelegen haben. Seelisch, wie physisch war ich gar nicht gut drauf.

Das wurde mir durch das Gespräch mit der Therapeutin sehr bewusst und ich habe seit diesem Gespräch sehr an mir gearbeitet.

Ich wurde wieder achtsamer, versuchte, mehr bei mir als bei anderen zu sein. Ich bin auch wieder ruhiger geworden und nehme mir mehr Zeit für mich. Es geht mir wirklich viel besser, seit diesem Gespräch. Nachdem ich das Thema auch bei meiner Selbsthilfegruppe angesprochen habe, kamen alle zum selben Schluss- ich war mir gegenüber nicht achtsam und sehr knapp an einem Rückfall vorbeigeschliddert.


365 Tage ohne Alkohol

Ein ganzes Jahr ist es nun schon her, dass ich beschlossen habe, keinen Alkohol mehr zu trinken. Waaaahnsinn!!!

Wie es mir heute geht?

Heute Nachmittag ging es mir plötzlich gar nicht gut- das hatte aber einen anderen Grund, von dem ich später berichten werde.

Ich bin, nach wie vor, mega stolz auf mich. Ich habe es ganz alleine geschafft und das macht mich sehr glücklich. Ich zähle ja schon lange nicht mehr die Tage, weil ich ja keine Challenge daraus mache, sondern mein Lebensprogramm neu geschrieben habe.

Ich bin noch immer in Kurzarbeit, es gibt nichts zu fliegen für mich und mein Einsatzplan ist immer noch leer. Bis auf eine jährlich wiederkehrende Schulung habe ich keine Termine.

Heute ging es mir aber gar nicht gut, weil mich auf einmal die Panik vor der Zukunft überrollte. Eigentlich hatte ich geplant, meine Teilzeit nach der Kurzarbeit noch weiter zu reduzieren, damit ich mehr Zeit zu Hause und in der Senioren WG verbringen kann. Es wird aber auch bald Abfindungsangebote geben. Ich habe mir schon weitestgehend ausgerechnet, wie hoch so ein Angebot sein muss und ich tendiere mittlerweile dazu, ganz aufzuhören. Ich möchte das Richtige tun, mein Bauchgefühl sagt mir, das für mich die Zeit der Fliegerei vorbei ist. Auf Grund von Corona sieht es in der ganzen Welt nicht gerade rosig oder einladend aus, Sightseeing fällt größtenteils flach, Service 8-12 Stunden am Tag mit Mundschutz, in manchen Ländern gibt es Hotelzimmerquarantäne etc. Ich habe ja schon einiges in meinen 34 Jahren als Flugbegleiterin erlebt und auch immer versucht, das Beste aus den jeweiligen Situationen zu machen aber im Moment habe ich Angst vor dieser Herausforderung. Ja, so kann man es benennen. Ich wollte mich heute für diese Schulung vorbereiten und habe kalte Füße bekommen, ich konnte mich nicht konzentrieren, war ständig mit meinen Gedanken woanders, nur nicht beim Fliegen. Stattdessen machte ich mir Gedanken, wie ich diese Schulung und den Test umgehen könnte. Aber außer krankmelden gibt es nichts, was ich tun kann. Da ich im Falle der Gesundmeldung (die ja irgendwann stattfinden muss) sofort einen erneuten Schulungstermin bekommen würde, bleibt mir eigentlich keine andere Wahl. Ich muss da durch!!! Solange ich den Abfindungsvertrag nicht in der Tasche habe, muss ich meinem Arbeitsvertrag nachkommen. Punkt. Mein Mann hat mich ganz gut unterstützt heute nachmittag und ich muss echt zugeben, dass es mir viel besser geht jetzt. Morgen bereite ich mich weiter vor. Ich schaffe das schon!

Zugegeben, früher hätte ich das so nicht alles bedacht. Ein Problem? Ach ich trinke erstmal etwas, schieb das Problem vor mich hin, morgen ist ja auch noch ein Tag. Letztendlich wäre das ein paar mal so weitergegangen und ich hätte wieder furchtbare Schuldgefühle und Versagensängste bekommen. Da bin ich, Gott sei Dank, sehr weit entfernt von.

Ein Jahr ohne Alkohol, ohne Lügen, ohne Selbsthass, ohne Ängste. D



Der nächste Eintrag folgt am 01.08.2020